Jahresprimärenergiebedarf
Die zentrale Energiekennzahl im Energieausweis – was sie bedeutet und wie sie berechnet wird
Der Jahresprimärenergiebedarf beschreibt, wie viel Energie ein Gebäude pro Jahr tatsächlich beansprucht – und zwar nicht nur die Energie, die am Heizkörper ankommt, sondern alles, was entlang der gesamten Versorgungskette anfällt: Gewinnung, Umwandlung und Transport des jeweiligen Energieträgers eingeschlossen. Er gilt als die zentrale Kenngröße im Energieausweis und bestimmt, welche gesetzlichen Anforderungen nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) ein Gebäude erfüllt – und welche Förderstufe bei der KfW erreichbar ist.
Warum Primärenergie und nicht einfach Verbrauch?
Wer zwei Gebäude mit unterschiedlichen Heizsystemen vergleicht, kommt mit dem reinen Energieverbrauch nicht weit. Ein Liter Heizöl und eine Kilowattstunde Strom sind eben keine gleichwertigen Größen – weder ökologisch noch energetisch. Deshalb rechnet man beide mit einem sogenannten Primärenergiefaktor um, der die Verluste und Umweltwirkungen der Vorkette berücksichtigt.
Fossile Brennstoffe wie Erdgas, Heizöl oder Flüssiggas erhalten dabei einen Faktor von 1,1 – sie gelten als endlich und CO₂-intensiv. Netzstrom wird mit 1,8 bewertet, weil bei der Stromerzeugung aus konventionellen Kraftwerken erhebliche Verluste entstehen. Ganz anders sieht es bei erneuerbaren Energieträgern aus: Holzpellets kommen auf einen Faktor von 0,2, Solarthermie und Umweltwärme (etwa aus einer Wärmepumpe) auf 0,0. Fernwärme liegt je nach Erzeugungsart zwischen 0,0 und 1,3 – hier kommt es auf den konkreten Netzbetreiber an.
Wie die Berechnung funktioniert
Die Grundformel ist überschaubar: Der Primärenergiebedarf ergibt sich aus dem Endenergiebedarf multipliziert mit dem Primärenergiefaktor des eingesetzten Energieträgers. Entscheidend ist dabei die Wahl des Heizsystems – sie kann das Ergebnis erheblich verschieben.
Beispielrechnung für ein Einfamilienhaus mit 150 m² im Raum Osterholz-Scharmbeck:
- Variante Gasheizung: 15.000 kWh Endenergiebedarf × Faktor 1,1 = 16.500 kWh/Jahr, entspricht rund 110 kWh/(m²·a)
- Variante Wärmepumpe: 5.000 kWh Stromverbrauch × Faktor 1,8 = 9.000 kWh/Jahr, entspricht rund 60 kWh/(m²·a)
Obwohl die Wärmepumpe mehr Strom verbraucht als eine klassische Gasheizung, schneidet sie beim Jahresprimärenergiebedarf deutlich besser ab – weil der Primärenergiefaktor für Strom zwar hoch ist, die Wärmepumpe aber aus einer Kilowattstunde Strom mehrere Kilowattstunden Wärme erzeugt. Gerade für Neubauten im Landkreis Osterholz, wo Wärmepumpen auf Grund und Boden mit wechselnden Eigenschaften – von gewachsenem Mineralboden bis zu Moor- und Marschlagen im Teufelsmoor – installiert werden, ist die Systemwahl auch eine Frage der örtlichen Gegebenheiten.
Anforderungen nach GEG und KfW-Förderung
Das Gebäudeenergiegesetz schreibt für neue Wohngebäude vor, dass der Jahresprimärenergiebedarf maximal 55 Prozent des rechnerischen Referenzgebäudes betragen darf. In der Praxis liegen gut geplante Neubauten typischerweise zwischen 40 und 55 kWh/(m²·a). Wer die KfW-Förderung für ein Effizienzhaus 40 anstrebt, muss den Wert auf maximal 40 Prozent des Referenzgebäudes drücken – das entspricht den höchsten Förderstufen und setzt eine besonders gut gedämmte Hülle in Kombination mit einem effizienten Heizsystem voraus.
Bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden greift ein etwas großzügigerer Maßstab: Bei wesentlichen Änderungen am Gebäude erlaubt das GEG bis zu 140 Prozent des entsprechenden Neubauniveaus.
Orientierungswerte im Überblick
Die Bandbreite zwischen altem Bestand und modernem Neubau ist beträchtlich. Unsanierte Gebäude aus der Zeit vor der ersten Wärmeschutzverordnung 1977 erreichen häufig Werte von 200 bis 400 kWh/(m²·a). Teilsanierte Häuser liegen meist bei 120 bis 200 kWh, gut sanierte Objekte zwischen 50 und 100 kWh. Ein Neubau nach aktuellem GEG-Standard kommt auf 40 bis 55 kWh, ein Passivhaus sogar auf unter 15 kWh. Im deutschen Durchschnitt liegt der Wert noch bei rund 160 kWh/(m²·a) – ein deutliches Zeichen, wie viel Einsparpotenzial im Bestand noch schlummert.
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